Aus:
Günther Anders
Die Antiquiertheit des Menschen Bd.2. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. 1980
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2. Wir werden der Fähigkeit beraubt, Realität und Schein zu unterscheiden. –Wenn, wie es sowohl in Rundfunk- wie in Fernsehstücken zumeist geschieht, Schein realistisch präsentiert wird, dann nimmt umgekehrt die (als Sendung nicht anders klingende und nicht anders aussehende) Realität das Aussehen von Schein, das einer bloßen Darbietung an; wenn die „Bretter“ (die angeblich die Welt bedeuten) wie die Welt selbst aussehen, dann verwandelt sich die Welt auch in „Bretter“, also in ein bloßes spectaculum, dass nicht so ernst genommen zu werden braucht. Insofern ist die Bebilderung unseres Lebens eine Technik des Illusionismus, weil sie uns die Illusion gibt und geben soll, wir sähen die Wirklichkeit. Der „spectaculum-Eindruck“, den die Wirklichkeit auf dem Fernsehtisch erzeugt, hat „Rückschlagwirkung“, er infiziert nämlich die Wirklichkeit selbst: Die Tatsache, dass sich Kennedy und Nixon jüngst für ihre Fernseh-Dispute schminken ließen, beweist, dass die zwei nicht nur vom Publikum als „show“ erwartet wurden, sondern dass sie sich selbst bereits als Schauspieler auffassten, dass sie mit Fernseh-Stars in Konkurrenz traten, dass ihre effektive politische Chance von ihrer show-Qualität abhing. Nicht nur die Auffassung der Realität durch das Publikum wird also unernst, sondern die Realität selbst, da sie Rücksicht auf die Bilder zu nehmen hat. Nunmehr wird die Welt zur „Vorstellung“, freilich in einem Sinne, von dem Schopenhauer sich niemals etwas hätte träumen lassen. – Damit im engsten Zusammenhange:
3. Wir bilden unsere Welt den Bildern der Welt nach – „invertierte Imitation“. – Da es kein Bild gibt, das nicht, mindestens potentiell, als Vorbild wirkte, prägen wir effektiv die Welt nach dem Bilde ihrer Abbildungen: Jeder Johnny küsst heute wie Clark Gable. Damit wird die Wirklichkeit zum Abbild ihrer Abbilder (nicht etwa, wie bei Plato, zum Abbild von Ideen).
4. Wir werden „passivisiert“ – Durch die Dauerbelieferung werden wir in Dauerkonsumenten verwandelt. Während wir z.B. als Leser noch selbständig sind, nämlich zurückblättern dürfen und das Tempo des Aufnehmens noch selbst bestimmen können, sind wir nunmehr als pausenloses Seh- und Hörpublikum gegängelt; konsumieren wir, dann haben wir auch das gelieferte Tempo der Lieferung mitzukonsumieren. – Das hatte zwar vom Theater- und Konzertpublikum stets gegolten, wird nun aber zum Verhängnis, weil die spectacula nun mehr pausenlos ablaufen und durch diese Pausenlosigkeit unsere Unselbständigkeit eingleisen.
Anders ausgedrückt: Der Verkehr des Menschen wird auf Unilateralität gedrillt. Da wir gewöhnt sind, die Bilder zu sehen, aber nicht von ihnen gesehen zu werden; Personen zu hören, aber nicht von ihnen gehört zu werden, gewöhnen wir uns an ein Dasein, in dem wir einer Hälfte unseres Menschseins beraubt sind. Wer nur hört aber nicht spricht und grundsätzlich nicht wiedersprechen kann, der wird nicht nur „passivisiert“, sondern eben „hörig“ und unfrei gemacht.
5. Dieser Freiheitsverlust geht aber so vor sich, dass wir nun im Unterschied zu den Sklaven seligen Angedenkens, sogar der Freiheit beraubt sind, den Freiheitsverlust zu bemerken. Denn die „Hörigkeit“ wird uns ja als Unterhaltungsware und als Bequemlichkeit ins Haus gebracht und vorgesetzt.
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Und hier eine kleine (zugegebenermassen ziemlich notdürftige;-)) Zusammenstellung über die Wechselwirkung von Bild und Realität:
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